Diese kleine Schrift über 50 Jahre Norddeich Radio muss viele sachliche Angaben über einen der Funksender enthalten, der ein Glied in der großen Kette der Strahler ist, die die Welt umspannen. Nur bisweilen wird aus der Darstellung hervorleuchten, dass die Menschen, die diese Anlagen planen, bauen und betreiben, eine ähnliche Gemeinschaft, ja Kameradschaft bilden, wie die Menschen, in deren Dienst ihr Schaffen steht: die Seeleute.


NanningaDenn früher wurden die Schiffe und ihre Besatzungen aus dem Hafen in eine Ungewissheit entlassen, die erst beendet war, wenn der nächste Hafen erreicht worden war. Die große Einsamkeit legte sich auf hoher See um das Schiff, gerade da es am stärksten von den Elementen bedroht war. Gerade in der Zeitspanne, da Schiffsleitung und Mannschaft am dringendsten jeder, auch noch so kleinen Nachricht bedurften, die ihren Weg erleichtern konnte. Zu diesen Nachrichten gehören die Wetterberichte, die Meldungen über Eisberge, Mitteilungen über Seezeichen, Warnungen und Hinweise vieler Art, das Übermitteln der Zeitsignale und auch der wichtigsten Tagesnachrichten. Alle diese Nachrichten haben für die Schiffe in See jedoch nur Wert, wenn sie schnell und sicher die Schiffe erreichen, wenn so auf den Schiffen Gesamtübersichten gewonnen werden können (z.B. über die Wetterentwicklung), die ein Vorausschauen und ein Voraushandeln ermöglichen. Diese schnelle, sichere und vollständige Nachrichtenübermittlung von Land zu den Schiffen in See kann nur erreicht werden, wenn der Funker an Land auf die Sekunde pünktlich arbeitet, wenn er ständig bereit ist, wenn er sich in die Lage seines Kameraden auf See einfühlt und bei besonderen Ereignissen entschlossen und verantwortungsbewusst handelt.

Heute ist ein Schiff nicht mehr der Verlassenheit ausgeliefert, wenn es aus dem Hafen fährt. Es ist für den Empfang von Nachrichten nicht mehr auf zufällige Begegnungen mit anderen Schiffen angewiesen, denn es hat tägliche und stündliche Begegnungen mit den Großfunkstellen, die während seines ganzen Weges in Verbindung mit ihm bleiben. Wie Eisenbahnzüge und Flugzeuge sind die Schiffe von einem System hilfreicher und nützlicher Verbindungen umgeben, die Unbill und Widrigkeiten von ihnen abwenden oder mindestens abfedern wollen. Selten wird ein Wort darüber gesprochen, dass die Großfunkstationen, diese Zentren des Weltverkehrs, mehr sind als technisch hochgezüchtete Warnzentralen oder wirtschaftliche Umschlagplätze der "Ware" Nachricht: sie sind auch Teile unseres Kulturbildes. Das menschliche Verantwortungsbewusstsein für den Mitmenschen ist eine jener Kräfte gewesen, die dieses Netz von tönenden Stahltürmen errichten ließ; es war nicht nur der merkantile Sinn, der in den Gitterkonstruktionen seinen Ausdruck fand. In den internationalen Verträgen sind die Absprachen, die die Verkehrssicherheit, die Hilfsbereitschaft und jede Art von Notdienst betreffen, die schönsten Dokumentationen menschlichen Kulturbewusstseins. Dokumentationen auch des Willens, dem "Anderen" Daseinshilfe zu gewähren: gleichgültig welcher Nation, welcher Religion, welcher Rasse er angehört, gleichgültig welche Sprache er spricht …

Die auf den Großfunkstationen arbeitenden Menschen leben einsam, an geographisch abgelegenen Punkten - und doch sind sie jederzeit mit allen Orten der Erde in Verbindung. Sie werten die Kilometer und Meilen wie andere Menschen die Schritte, und Orte, die ein Weltmeer trennt, liegen auf ihren Skalen für sie nur um Millimeter voneinander entfernt. Es wird kaum einen Berufsstand geben, dessen "Welt-Bild" so groß angelegt ist und der gleichzeitig so wenig Aufhebens von seinem Umgang mit der Weite macht. Nur selten gerät dieses feste Gefüge aus unsichtbaren, ungreifbaren Wellen in Verwirrung; nicht zuletzt, weil um des höheren Dienstes an der Allgemeinheit willen auf den Funkstationen der eine stets für den anderen eintritt

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.